Schauspielerin Denise M’Baye spricht im Gespräch mit der bellanova über Gemeinschaft, Mut und den Luxus der Freiheit.

INSPIRATION

Wir müssen sehr, sehr, mutig sein

Denise M’Baye ist Schauspielerin, Musikerin, Sprecherin. Zwischen Filmsets, Podcasts und Familienleben findet sie Kraft am Wasser und spricht über das, was sie bewegt: Mut und Zusammenhalt.

VON STEFAN GOHLISCH

Denise M’Baye lächelt. Es ist ein einnehmendes und ehrliches Lächeln. So betritt sie den Café-Kiosk Gottfrieds nahe ihrem Büro in Hannovers Altstadt. Als es nach dem dortigen Gespräch dort hinüber zur Leinewelle geht, strahlt sie und blickt glücklich über den Fluss und die Surfenden darauf, umarmt Bekannte, plaudert ausgelassen, ein gute Laune versprühendes Energiebündel. „Mein größter Luxus ist es, am Wasser zu sein“, sagt sie.

Es ist Mittagszeit an einem der letzten schönen Herbsttage. Um 6 Uhr morgens ist M’Baye in Hamburg aufgestanden. Sie war dort als Rednerin beim Filmfest und bei der Verleihung des Robert Geisendörfer Preises für Hörfunk-, Fernseh- und Onlineproduktionen: das ARD-Hörspiel „Mädchen, Frau etc.“, bei dem sie als Erzählerin fungierte, wurde ausgezeichnet. Direkt vom Bahnhof ging es ins Heimstudio, um mit der befreundeten Moderatorin und Publizistin Ninia Binias die neueste Folge des gemeinsamen Podcasts „Kleine schwarze Chaos­praxis“ aufzunehmen.

Die zweifache Mutter tanzt auf vielen medialen Hochzeiten. M’Baye, 1974 im Wendland geboren und in Hannover-Linden aufgewachsen, hat eine dieser Karrieren, die nur im Rückblick schlüssig erscheinen. Nach dem Abitur an der Lutherschule sang und rappte sie, rutschte eher zufällig in die Schauspielerei, ohne je eine entsprechende Ausbildung genossen zu haben. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde sie durch die Rolle der Novizin Lela in der Serie „Um Himmels Willen“.

„Seit 2009 habe ich ununterbrochen gedreht“, sagt sie. Sie spielte in Fernsehserien von „Traumschiff“ bis „Ein Fall für zwei“; gerade erst war ein „Tatort“ mit ihr zu sehen. Auch in Kinoproduktionen wie „The Ordinaries“ und „Alter weißer Mann“ spielte sie mit. Zunehmend arbeitet sie auch international. „Das ist meine kleine, langsam wachsende Karriere“, sagt sie und lacht ihr ansteckendes Lachen.

Luxus ist, sich frei bewegen zu können
Sie gönnt sich gern etwas. Noch in der Vorwoche war sie in der Bretagne, bei den Dreharbeiten der neuesten Folge der Fernsehserie „Kommissar Dupin“. Es war Arbeit – die nahtlos in Urlaub überging: „Zurück gefahren bin ich mit einem Campingbus“, sagt sie. „Das musste einfach sein.“ Überhaupt: „Ich führe ein absolut luxuriöses Leben. Ich kann mich in dieser Stadt frei bewegen“, resümiert sie. „Wie schnell ich im Wald oder am Wasser sein kann, wie schnell ich alles mit dem Rad erreichen kann: Das ist Luxus.“

Es folgt ein Aber: Die momentane politische Situation bereitet M’Baye, die senegalesische, niederländische, indonesische und deutsche Wurzeln hat, große Sorgen. „Ich muss, solange ich denken kann, für meine Existenz kämpfen: für die Anerkennung, dass ich eine deutsche Frau bin. In den 90er-Jahren musste ich vor Nazis wegrennen und muss das demnächst vielleicht wieder. Es ist mir gerade erst vor Kurzem passiert, dass ich übel beschimpft worden bin in der Bahn und mir niemand geholfen hat.“

Es sei wichtig, immer einen gemeinsamen Nenner zu suchen. „Wir laufen sonst Gefahr, die Basis, auf der wir immer diskutieren konnten, zu verlieren. Und diese Basis ist die Demokratie.“

Von der Gesellschaft wünscht sie sich mehr Solidarität mit marginalisierten Gruppen. „Die Leute sind so stumm geworden. Da denke ich immer: Habt ihr in der Schule nicht aufgepasst?“ Sie findet es sympathisch, wenn auch Menschen, die nicht queer sind, die Regenbogenflagge tragen, um ihre Unterstützung zu signalisieren. „Ich erwarte ja nicht, dass alle ein Antifa-Shirt tragen“, sagt sie. „Sichtbar zu zeigen, du bist nicht allein, ist gerade sehr wichtig. Manchmal reicht schon ein Lächeln.“

Proaktivität und Kreativität sind essenziell
Beim Filmfest in Hamburg war sie, um über Mut zu reden. „Eigentlich ging es um Mut und Geld. Ich habe aber mehr über Mut gesprochen als über Geld, ich glaube aber auch, das geht Hand in Hand. Viel Geld für ein Projekt in die Hand zu nehmen, das vielleicht nicht so gefällig ist, ist auch eine mutige Entscheidung. Ich habe dafür plädiert, dass wir – und das ist vielleicht ein bisschen spirituell – auf unser Bauchgefühl und unser Herz hören. Wir sind in der Kulturlandschaft auf unsere Proaktivität und unsere Kreativität angewiesen. Nur so können wir einander berühren.“

Ja, sie habe auch Angst. Aber Mut sei eben nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Fähigkeit, diese zu überwinden. „Ich kann verstehen, dass Menschen den Kopf in den Sand stecken oder vor Erschöpfung stumm werden. Leute, die sich äußern, bekommen ordentlich etwas ab oder werden – wie Dunja Hayali – so sehr bedroht, dass sie sich zurückziehen und ihre Arbeit nicht mehr machen können.“ M’Baye ist überzeugt: „Uns der Angst hinzugeben, ist ein Luxus, den wir uns nicht gönnen können. Wir sind an einem Punkt, an dem es gar nicht anders möglich ist, als sehr, sehr mutig zu sein.“

Begegnungen mit echten Menschen
Was ihr hilft? „Wenn ich auf Social Media seltsame Nachrichten bekomme, gehe ich raus und habe Begegnungen mit echten Menschen.“ Dann lässt sie es sich gut gehen. Mein Problem ist, ich esse ja so gern. Ich liebe Gemeinschaft und liebe es, in Gemeinschaft Sachen zu erleben.“ Neulich habe sie beim „Rüpel Food Lab und Kiosk“ am Lindener Schmuckplatz mit Freundinnen und Freunden in der Sonne gesessen und Hummus gegessen. „Das sind diese kleinen Momente, die wie Urlaub sind.“

Wegen solcher Gemeinschaftserlebnisse liebt sie auch die Leinewelle so sehr. Sie ist Vereinsmitglied und surft, so oft es geht. „Das ist von Anfang an eine schöne Community gewesen. Man trifft die Leute immer wieder. Es sind so unterschiedliche Leute, aber diese Stunde auf dem Wasser verbindet die Menschen miteinander.“

Sie guckt noch einmal sehnsüchtig aufs Wasser. „Ich hatte schon überlegt, ob ich heute nicht noch einmal aufs Board steige“, sagt sie.

Julia Heinze (von links), Emanuela von Frankenberg, Fritz Wepper, Janina Hartwig, Andrea Sihler, Denise MʼBaye und Karin Gregorek bei der Jubiläumsfeier der ausgezeichneten Serie „Um Himmels Willen“im Passagekino in Hamburg.
Während der Berlinale und kurz vor der Bundestagswahl 2025 bezieht die Schauspielerin, Musikerin und Sprecherin mit der Vote-Love-Flagge Stellung.
Smudo (von links), Denise MʼBaye und Thomas D bei der Premiere des Films „Alter weißer Mann“ im Oktober 2024 in Berlin.
Denise MʼBaye liebt das Wasser und die Leinewelle in Hannover. Sie ist Vereinsmitglied und surft, so oft es geht.
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